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Der Mond hing schwer über dem alten Viertel, sein fahles Licht warf lange Schatten über den verwilderten Spielplatz. Die rostige Schaukel quietschte im Wind, das Karussell drehte sich langsam, obwohl niemand es berührte. Kein Kind spielte hier mehr nach Sonnenuntergang – nicht seit jener Nacht, als das Sandmännchen kam.

Es war nicht das niedliche Fernsehgesicht, das man aus Kindheitserinnerungen kannte. Nein, dieses Sandmännchen war anders. Seine Augen waren schwarz wie Kohle, tief und leer. Er trug denselben alten Mantel, doch er war schmutzig, fleckig von etwas, das wie eingetrocknetes Blut aussah. Und in seiner kleinen Hand – kein Sandsäckchen. Stattdessen ein Messer, lang und schimmernd im Mondlicht.

Es begann mit dem Verschwinden kleiner Tiere. Vögel, Kaninchen, sogar ein streunender Hund. Die Nachbarn flüsterten, dass nachts jemand über den Spielplatz schleiche. Manche sagten, sie hätten ein leises Lachen gehört, kratzig, wie aus einer alten Kassette. Andere sprachen von winzigen Fußspuren im Sand – und von kleinen Schnitten im Holz der Rutsche, wie eingeritzte Zeichen.

Eines Abends wagte sich der 10-jährige Luca auf den Spielplatz. Seine Schwester war verschwunden, zuletzt gesehen mit ihrem Kuscheltier auf der Schaukel. Die Polizei hatte nichts gefunden. Aber Luca wusste, sie war hier. Er hörte ihr Flüstern in seinen Träumen – und den Sand, der rieselte.

Er kam mit einer Taschenlampe und einem alten Teddybären, als Lockmittel. Der Wind war still. Kein Kinderlachen. Nur das Schaukeln, leise, rhythmisch.

Dann: Schritte. Kratzend. Leicht. Und aus dem Schatten des Klettergerüsts trat es hervor – klein, mit wallendem weißem Haar, das in der Dunkelheit silbrig schimmerte. Die Augen tiefschwarz, das Lächeln messerscharf. Es sagte nichts. Nur ein Rascheln, als es Sand aus seiner Tasche streute – und mit der anderen Hand das Messer hob.

Luca wich zurück. Doch statt Angst fühlte er Wut. Er rief den Namen seiner Schwester – laut, trotzig. Das Sandmännchen stockte, neigte den Kopf. „Sie schläft jetzt“, hauchte es. „So tief. So schön.“

Dann griff es an.

Was in jener Nacht genau geschah, weiß niemand. Als der Morgen dämmerte, fand man den Spielplatz leer. Nur die Schaukel schwang noch. Und im Sand – zwei kleine Fußspuren. Die einen kamen. Die anderen gingen.

Luca wurde nie wieder gesehen.

Seitdem warnt man Kinder: Geh nicht nach Einbruch der Dunkelheit auf den Spielplatz. Und wenn du Sand im Bett findest, obwohl du das Fenster geschlossen hattest – dann schließ auch deine Augen. Aber nicht zu fest.

Denn das Sandmännchen mag es nicht, wenn du wach bleibst.

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