Kapitel 9 – Der Krater
Der Weg nach Westen war eine Wunde.
Verlassene Städte, zerrissene Autobahnen, ein Himmel, der aussah, als hätte er sich selbst aufgegeben.
Als sie endlich Wyoming erreichten, lag dort ein riesiger Krater – so groß, dass ganze Dörfer darin verschwanden. Rauch und Nebel zogen aus dem Loch, als würde die Erde selbst atmen. In der Ferne hörte man das dumpfe Stampfen gigantischer Körper, und aus dem Dunst ragten Halswirbel wie Kräne in Bewegung.
„Das ist es“, sagte Lena. „Der Ursprung von Aurora.“
„Oder das Ende“, murmelte Rico.
Sie stiegen hinab – vorsichtig, jeder Schritt ein Risiko. Überall Spuren: tiefe Trittsiegel, Schleifmarken, halb verschmolzenes Gestein. In einer Mulde fanden sie Metallteile, wie aus einer Forschungsstation. Das Logo: Department of Energy.
Samira leuchtete mit der Taschenlampe in die Tiefe eines geborstenen Containers. Drinnen flackerte ein Bildschirm, noch aktiv, schwach, aber lebendig. Eine Nachricht blinkte:
„PROTOKOLL C – manuelle Deaktivierung erforderlich – Portalstabilisierung nur von INNEN möglich.“
„Das bestätigt es“, sagte Lena. „Das Tor kann nur geschlossen werden, wenn jemand durchgeht.“
„Und was, wenn es nicht mehr zurückgeht?“
„Dann bleibt einer von uns auf der anderen Seite.“
Über ihnen bewegte sich plötzlich etwas Großes. Der Boden vibrierte, Steine lösten sich. Ein Sauropode senkte den Kopf in den Krater, die Augen schwarz wie Teer. Langsam drehte er sich in ihre Richtung – nicht aggressiv, nur neugierig.
Doch hinter ihm kam etwas anderes.
Ein Brüllen schnitt durch die Luft, roh, mächtig, alt. Der T-Rex trat aus dem Nebel, die Sonne spiegelte sich auf seiner schuppigen Haut.
„Rennen!“, rief Rico.
Sie taten es.
Kapitel 10 – Wahrheit und Verrat
Sie erreichten eine halb verschüttete Forschungsstation im Inneren des Kraters. Türen verbogen, Kabel wie Adern aus Beton. Auf den Wänden handschriftliche Notizen, verschmiert mit Erde und Blut.
Lena las:
„Nicht Fehler – Entscheidung.“
„Erde zuerst.“
„Sie wollten die Menschheit zurücksetzen“, sagte sie. „Ein Reboot. Dinos als Wächter, um uns auszurotten.“
„Klingt nach fanatischen Wissenschaftlern.“
„Oder nach Verzweifelten.“
Rico überprüfte das Terminal. „Hier ist was verschlüsselt – Namen. Projektleiter: Dr. Helen Grant.“
Lena hielt inne. „Helen Grant? Ich kenne sie. Sie war meine Mentorin in Stanford.“
„Dann hat deine Mentorin beschlossen, die Welt zu löschen.“
Bevor Lena antworten konnte, hörten sie Schritte. Drei Gestalten traten aus dem Schatten – Überlebende in zerrissene Kleidungen.
„Dr. Grant“, sagte Rico tonlos.
Sie war älter geworden, aber ihr Blick war derselbe – kühl, wissend.
„Lena. Ich wusste, dass du kommst.“
„Was hast du getan?“
„Gerettet, was gerettet werden konnte.“
„Indem du Milliarden geopfert hast?“
„Wir hatten keine Wahl. Das Klima war am Kollabieren. Wir brauchten ein Reset-System. Das Tor sollte kontrolliert bleiben. Aber die Natur … hat schneller gelernt als wir.“
„Dann mach es rückgängig!“
Grant lächelte traurig. „Das geht nur von innen. Und jemand muss bleiben, um es zu schließen.“
Ihre Hand glitt zu einer Pistole. „Ich bleibe hier. Ihr geht.“
Rico zog sofort die Waffe. „Oder wir reden später über Opfer.“
Ein Moment Spannung, dann ein Beben. Der Boden brach, Staub rieselte. Die Dinos draußen reagierten – brüllten, witterten Gefahr.
„Ihr müsst jetzt entscheiden“, sagte Grant. „Oder die Welt tut es für euch.“
Kapitel 11 – Kampf am Rand der Zeit
Die Schleuse im Krater pulsierte. Ein Kreis aus Licht, halb Energie, halb Materie, in dem Schatten wie Erinnerungen flackerten.
Rico, Lena und Samira rannten durch den Korridor, während draußen alles bebte. Pterosaurier stürzten vom Himmel, Panzer der Nationalgarde feuerten sinnlos in den Nebel.
„Rico! Wir müssen das Portal erreichen, bevor es kollabiert!“
„Wir müssen überleben, bevor wir philosophieren!“
Dr. Grant war verschwunden – aber ihr Kontrollpanel zeigte Aktivität. Die Zeitschleuse war im Begriff, sich endgültig zu öffnen.
Ein zweiter Riss bildete sich, diesmal höher, über dem Krater. Flammen, Blitze, und für einen Augenblick sah man etwas darin – eine Landschaft, die aussah wie prähistorische Erde.
Samira stand atemlos da. „Da … drüben … leben sie.“
„Und sterben wir“, knurrte Rico.
Dann riss der Wind. Ein T-Rex preschte durch die Staubwand, traf einen Panzer, schleuderte ihn wie Spielzeug. Soldaten rannten. Einer schrie: „Das Ding kommt direkt auf die Schleuse zu!“
Lena begriff es zuerst. „Wenn der da reinrennt, schließt sich das Tor vielleicht durch Energieüberlastung – oder es explodiert.“
„Also?“
„Ich geh rein.“
Rico packte sie. „Du spinnst!“
„Ich kann die Prozedur aktivieren. Ich weiß, wie. Es braucht nur einen manuellen Code, direkt an der Matrix.“
„Das ist Selbstmord.“
Sie sah ihn an – ruhig, klar. „Vielleicht ist es auch Erlösung.“
Samira stellte sich zwischen sie. „Wenn du gehst, geh nicht allein.“
Lena lächelte schwach. „Doch. Du bleibst hier. Jemand muss erzählen, warum.“
Ein letzter Blick. Dann sprintete sie los, durch Rauch und Donner, auf die Schleuse zu. Der T-Rex brüllte, der Himmel barst, Licht und Schatten mischten sich zu einer Welt ohne Grenze.
Lena sprang. Das Portal verschluckte sie wie Wasser.
Kapitel 12 – Entscheidung in der Finsternis
Stille.
Das Tor leuchtete noch Sekunden, dann flackerte es – und erlosch.
Rico stand da, verstaubt, blutverschmiert, und sah zu, wie das Licht verschwand. Samira kniete im Dreck, die Hände über den Ohren, als wollte sie das Dröhnen ausblenden, das noch immer in der Luft hing.
Dann – nichts. Kein Wind. Kein Geräusch. Nur das ferne Echo von Donner.
Die Sonne stieg über den Krater. Der Nebel löste sich.
Und die Dinosaurier … hörten auf zu brüllen.
Einige wendeten sich, langsam, träge, als hätten sie den Instinkt verloren, zu jagen. Andere zogen davon, Richtung Westen. Die Erde atmete wieder.
Rico legte den Helm ab. „Sie hat’s geschafft.“
Samira nickte stumm.
Später, auf einem Hügel oberhalb des Kraters, sahen sie, wie die Welt sich neu sortierte. In der Ferne lagen Städte, halb zerstört, halb lebendig. Zwischen Ruinen wuchsen Pflanzen, und über allem kreisten Flugsaurier – ruhig, majestätisch, fast friedlich.
„Was jetzt?“, fragte Samira.
„Jetzt leben wir weiter“, sagte Rico. „Mit ihnen. Nicht gegen sie.“
Sie wandten sich ab und gingen den Hang hinunter, das Licht im Rücken.
Hinter ihnen, tief unter der Erde, glomm für einen winzigen Moment ein Rest des Portals auf – wie ein Herzschlag, der noch nicht ganz aufgehört hatte.
Epilog – Ein Jahr danach
Das Gras auf dem Times Square stand inzwischen kniehoch.
Regenwasser sammelte sich in den Überresten der U-Bahn-Eingänge, und zwischen den Fassaden wuchsen Farne, wo früher Reklame leuchtete. Ein Triceratops trottete über die verrosteten Gleise der 7th Avenue, langsam, bedächtig, als gehörte ihm die Stadt.
Samira saß auf dem Dach eines halb eingestürzten Hochhauses und schrieb. Ein Notizbuch, alt, zerfleddert, aber voll mit Geschichten. Nicht über Helden – über Überlebende.
„Tag 372 nach dem Riss“, murmelte sie, „New York lebt wieder. Anders. Wilder.“
Unten am Hudson hatten sich Gemeinschaften gebildet – Menschen, die lernten, sich zwischen den Titanen zu bewegen. Man hatte Regeln aufgestellt: keine lauten Motoren, keine Schüsse ohne Not. Die Dinos hatten Territorien, die Menschen ebenso. Es war ein instabiles Gleichgewicht, aber ein echtes.
Rico lebte jetzt in einer alten Feuerwehrstation in Brooklyn. Er trug wieder eine Marke – diesmal nicht für das Gesetz, sondern als Symbol für Schutz. Wer Hilfe brauchte, kam zu ihm.
Manchmal stand er am Fluss, sah in den Himmel und schwor, im Wind einen Laut zu hören, der an Lenas Stimme erinnerte.
Einmal, im Morgengrauen, blitzte es über dem Meer – ein dünner, gerader Streifen Licht. Nur kurz.
„Das Portal?“, fragte jemand.
Rico schüttelte den Kopf. „Oder vielleicht nur Erinnerung.“
Samira schrieb weiter:
„Die Welt hat uns nicht verloren. Sie hat uns geprüft. Wir sind kleiner geworden, leiser – und vielleicht zum ersten Mal Teil von ihr.“
Dann legte sie den Stift weg, sah hinunter in die grüne Stadt, wo Menschen und Dinosaurier in derselben Sonne standen.
Ein Pterosaurier zog seine Kreise über Manhattan, majestätisch, lautlos, friedlich.
Und für einen Moment wirkte es so, als hätte die Erde beschlossen, dass zwei Zeitalter gleichzeitig existieren dürfen.
Ähnliche Artikel
Schatten im All – Teil 3: Ursprung
Kapitel 1: Fremde ErdeOrion 9 war wunderschön – auf den…
Schatten im All – Die Kolonisten von Orion 9 – Kapitel 6 – 8
Kapitel 6: Das Erwachen der BrutAva starrte auf die Daten,…
Die Rückkehr der Titanen – Kapitel 1 – 4
Kapitel 1 – Der Riss am HimmelEs begann mit einem…
