Kapitel 15 – Spree 12
Der Speicher stand verlassen am Ufer, ein grauer Koloss aus Backstein. Das Regenwasser tropfte von den Dachrinnen, der Wind ließ lose Bleche klappern. „Spree 12“ war kaum noch zu erkennen, die Zahlen über dem Tor von Rost zerfressen.
Bundschuh und Meier parkten einige Meter entfernt, stiegen aus. Ihre Taschenlampen schnitten schmale Kegel durch die Dunkelheit.
„Sieht seit Jahrzehnten unbenutzt aus“, murmelte Meier.
„Das heißt gar nichts“, erwiderte Bundschuh.
Das Tor war verschlossen, doch ein Seiteneingang gab nach kurzem Hebeln nach. Sie traten in eine Halle, deren Boden mit Scherben, Staub und alten Paletten übersät war. Der Geruch von Moder und altem Holz hing schwer in der Luft.
Meier leuchtete die Wände ab. „Da.“ An der Backsteinmauer war etwas eingeritzt: 1994 – groß, mehrfach überlagert, als hätte jemand es immer wieder neu eingekratzt.
„Verdammt“, flüsterte Bundschuh.
Sie gingen tiefer hinein. Alte Stahlträger spannten sich über ihnen, Tauben flatterten auf, als sie sich näherten. Doch was wirklich auffiel, war der Turm im hinteren Teil des Speichers – ein enger Aufzugsschacht mit einer rostigen Leiter.
„Das passt zu Markos Notizbuch“, sagte Meier. „‚Turm‘.“
Sie kletterten vorsichtig hinauf, die Stufen knarrten unter ihrem Gewicht. Oben, im Halbdunkel, lag ein kleiner Raum. Die Wände waren übersät mit Kerben, Zahlen, Namen. Manche kaum lesbar, andere tief eingeritzt.
Meier ging näher. „Hier … ‚Marko‘. Und daneben … ‚D.V.‘“
Bundschuhs Stirn verfinsterte sich. „Dann wurden sie beide hier oben festgehalten.“
In der Ecke lag ein zerbrochenes Metallbettgestell, daneben alte Lederriemen. Und auf dem Boden – ein zusammengeknülltes, halb zerfetztes Stück Papier.
Meier glättete es vorsichtig. Es war ein Brief, brüchig, aber lesbar:
„Wenn jemand das hier findet – 1994 ist nicht vorbei. Wir sind nur Schachfiguren. Sie beobachten uns. Und sie hören niemals auf.“
Bundschuh starrte auf die Worte, das Papier im Licht seiner Lampe. „Sie. Wer auch immer ‚sie‘ sind … sie haben das Spiel noch nicht beendet.“
In diesem Moment hörten beide ein Geräusch. Kein Wind, kein Tropfen. Sondern das Knarren von Schritten. Direkt unter ihnen, im Gebäude.
Kapitel 16 – Die Gestalt
Die beiden erstarrten. Das Geräusch kam eindeutig von unten – schwere Schritte auf dem Betonboden der Halle. Langsam, bedächtig.
Meier hob die Waffe, ihre Lampe zitterte leicht. „Da ist jemand drin.“
Bundschuh schaltete seine Lampe aus, legte den Finger an die Lippen. Sie kauerten sich neben den Mauervorsprung des kleinen Raums, der einen Blick auf den Schacht bot.
Unten bewegte sich ein Lichtkegel. Nicht von einer Taschenlampe der Polizei, sondern schwach, gelblich – wie von einer alten Sturmlaterne. Im Schein huschte eine Gestalt durch die Halle, groß, breitschultrig, Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
„Sieht nicht nach einem Obdachlosen aus“, flüsterte Meier.
Die Gestalt blieb stehen, hob den Kopf. Für einen Augenblick schien sie direkt in den Schacht zu blicken, als wüsste sie, dass jemand oben war.
Bundschuh hielt den Atem an.
Dann drehte die Gestalt sich um, ging schnellen Schrittes weiter, direkt zum Hintereingang. Ein metallisches Quietschen, dann fiel eine Tür ins Schloss.
Meier sprang auf. „Los!“
Sie stürmten die Leiter hinunter, rannten durch die Halle. Draußen peitschte der Regen, doch der Hof war leer. Nur das schwache Echo von Schritten verklang in der Ferne.
„Verdammt“, keuchte Meier. „Wir hätten ihn fast gehabt.“
Bundschuh trat ins Freie, die Zigarette noch unangezündet zwischen den Fingern. Sein Blick war düster. „Er hat uns gesehen. Und er wollte, dass wir ihn sehen.“
Meier kniff die Augen zusammen. „Eine Warnung?“
„Oder eine Einladung“, murmelte Bundschuh. „Aber egal, was es war – derjenige spielt in einer Liga, in der Voss und Marko nur Bauern waren.“
Kapitel 17 – Die Spur im Regen
Der Regen prasselte auf den Hof, die Pflastersteine glänzten nass. Meier leuchtete mit der Taschenlampe über den Boden, während Bundschuh rauchend im Türrahmen stand, die Augen schmal.
„Da!“ Meier kniete sich hin. Im Matsch direkt vor dem Hintereingang war ein klarer Abdruck. Barfuß. Groß, fast zu groß. „Wieder ohne Schuhe … genau wie im Gang unter der Brücke.“
Bundschuh trat näher, blies Rauch in die kalte Luft. „Also war es derselbe. Er bewegt sich überall durch diese alten Gänge. Fast so, als gehörten sie ihm.“
Meier richtete das Licht weiter. Etwas Metallisches funkelte zwischen den Steinen. Sie hob es auf – ein kleiner Anhänger, verrostet, aber erkennbar: ein altes Polizeiemblem, das mittlere Stück abgebrochen.
„Ein Teil eines Abzeichens“, murmelte sie. „Aber nicht Voss’.“
Bundschuh nahm es in die Hand, drehte es im Licht. „Das ist noch älter. Könnte aus den 80ern stammen. Vielleicht ein Hinweis auf jemanden, der schon damals im Spiel war.“
Sie gingen ein Stück weiter um die Ecke. Dort endete der Hof in einer schmalen Gasse. Der Regen hatte Spuren ausgewaschen, doch an der Mauer klebte etwas Dunkles. Meier strich mit dem Handschuh darüber – Blut, frisch.
„Verletzt“, stellte sie fest.
Bundschuh zog die Zigarette aus dem Mund, warf sie in den Regen. „Gut. Dann hat unser Phantom nicht nur einen Vorsprung. Es hat auch eine Wunde. Früher oder später hinterlässt es uns mehr, als es will.“
Meier nickte, den Blick noch immer auf die blutige Spur gerichtet. „Und wenn es schon längst überall Spuren hinterlässt?“
Bundschuhs Augen verengten sich. „Dann haben wir ein Problem. Denn das bedeutet, dass wir mitten in seinem Revier ermitteln.“
Kapitel 18 – Rückkehr ins Präsidium
Die Fahrt zurück war schweigend. Der Regen hämmerte auf das Dach des Wagens, die Wischer quietschten im Takt. Meier starrte nach draußen, während Bundschuh rauchend lenkte. Jeder hing seinen Gedanken nach – über den barfüßigen Unbekannten, das Blut, das alte Abzeichen.
Im Präsidium erwartete sie bereits Dr. Kessler. „Da seid ihr ja endlich.“ Ihre Stimme klang ungewohnt angespannt. Sie hielt eine Mappe in der Hand.
„Neuigkeiten?“ fragte Meier sofort.
Kessler nickte. „Die Analyse der Blutspuren vom Speicher ist durch. Frisch, männlich, DNA eindeutig …“ Sie machte eine Pause, sah die beiden ernst an. „Es ist ein Treffer in der Datenbank.“
Bundschuh zog die Stirn kraus. „Und?“
„Marko Lehmann“, sagte Kessler knapp.
Die Worte hingen wie ein Schlag im Raum.
Meier schüttelte ungläubig den Kopf. „Das kann nicht sein. Lehmann ist seit 1994 verschwunden.“
„Seine DNA wurde damals bei der Vermisstmeldung von der Mutter eingetragen. Es gibt keinen Zweifel“, erwiderte Kessler. „Das Blut, das ihr gefunden habt, gehört Marko Lehmann. Er lebt – oder hat zumindest bis vor wenigen Stunden gelebt.“
Bundschuh sank schwer auf den Stuhl. „Dreißig Jahre verschwunden. Dreißig Jahre ein Schatten. Und jetzt läuft er barfuß durch verlassene Speicherhäuser?“
Meier starrte auf die Mappe. „Oder jemand hat ihn dreißig Jahre lang dort festgehalten … und er ist uns gerade entkommen.“
Kessler schloss die Mappe mit einem dumpfen Geräusch. „Wie auch immer – ihr habt jetzt keine Leiche mehr. Ihr habt einen Mann, der etwas weiß. Und jemand da draußen sorgt dafür, dass er nicht reden kann.“
Bundschuh griff nach seiner Zigarette, doch seine Hände zitterten leicht. „Dann hat das Spiel gerade eine neue Figur auf das Brett gebracht.“
Kapitel 19 – Die Botschaft
Es war schon nach Mitternacht, als Bundschuh und Meier noch immer in ihrem Büro saßen. Akten, Fotos, das zerfledderte Notizbuch – der Tisch war ein Chaos, das sich wie ein Spiegel ihres Falls anfühlte.
Ein Polizist vom Nachtdienst klopfte an die Tür. „Post für euch. Kam gerade rein, adressiert direkt ans Dezernat.“
Meier runzelte die Stirn, nahm den braunen Umschlag entgegen. Kein Absender, nur ihre Namen in krakeliger Schrift. „Das sieht nicht nach offizieller Post aus.“
Bundschuh riss den Umschlag auf. Darin lag ein einzelnes Blatt Papier, vergilbt, fleckig. In der Mitte nur ein Satz, grob mit Filzstift geschrieben:
„1994 endet, wenn Marko redet.“
Meier spürte ein Kribbeln im Nacken. „Das heißt, jemand weiß, dass er noch lebt. Und jemand will verhindern, dass er spricht.“
Bundschuh legte das Blatt auf den Tisch, griff automatisch zur Zigarette, zündete sie mit zittrigen Fingern an. Der Rauch kringelte sich über den Worten wie ein Schleier.
„Sie spielen mit uns“, murmelte er. „Wir jagen nicht nur einen Phantom-Zeugen. Wir jagen jemanden, der uns jeden Schritt voraus ist.“
Meier griff nach dem Umschlag. „Warte …“ An der Innenseite klebte ein winziger Fleck, fast übersehen. Dunkelrot.
„Blut“, stellte sie fest.
Kessler, die kurz darauf geholt wurde, bestätigte es. „Es ist menschlich. Und wenn ich raten müsste … gehört es zu derselben Probe, die ihr vorhin im Speicher gefunden habt.“
Meier sah Bundschuh an. „Das ist keine Warnung mehr. Das ist ein direkter Hinweis. Marko ist irgendwo da draußen – und er ist verletzt.“
Bundschuh zog tief an der Zigarette, die Glut flackerte. „Dann hat unser Gegner die Regeln geändert. Jetzt suchen wir nicht nur einen Täter. Jetzt suchen wir einen Überlebenden.“
Kapitel 20 – Der Hinweis
Meier nahm den Umschlag erneut in die Hand, diesmal unter einer Schreibtischlampe. „Warte mal … hier ist noch was.“ Mit einer Pinzette zog sie ein winziges Stück Papier aus der Seitenfalte.
Es war kaum größer als eine Briefmarke, eingerissen und schmutzig. Darauf erkennbar: der Teil eines alten Tickets.
Bundschuh schob seine Brille auf die Nase. „BVG-Fahrkarte. Einzelfahrschein. Datiert auf … verdammt, Juni 1994.“
„Wie kommt das in einen Umschlag, der heute Nacht im Präsidium ankommt?“ fragte Meier ungläubig.
Bundschuh drehte das Stück im Licht. „Seht euch den Stempel an. Abgestempelt am U-Bahnhof Schlesisches Tor.“
Meier starrte ihn an. „Direkt an der Oberbaumbrücke. Da, wo alles begonnen hat.“
Bundschuh stand auf, griff nach seinem Mantel. „Sie spielen mit uns, Jana. Das ist kein Beweisstück. Das ist eine Einladung.“
Meier schüttelte den Kopf. „Oder eine Falle.“
„Wahrscheinlich beides.“ Bundschuh zog an seiner Zigarette, trat dann die Glut im Aschenbecher aus. „Aber wenn wir nicht hingehen, verlieren wir die Spur. Und Marko vielleicht für immer.“
Meier sah auf das vergilbte Ticket in ihrer Hand. Ein winziges Stück Vergangenheit – und doch ein Schlüssel in der Gegenwart. Sie spürte, dass sich die Fäden enger zusammenzogen.
„Schlesisches Tor also“, murmelte sie. „Dann fahren wir ins Herz des Spiels.“
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