Kapitel 5 – Die neue Wildnis
Zwei Wochen später lag Manhattan wie eine Fossilie unter Wolken. Von New Jersey aus sah die Skyline aus, als hätte sie jemand fotografiert und dann mit Klauen zerschnitten. Flugsaurier hingen wie Fetzen in der Thermik, Ruß wehte über den Hudson.
Lena saß in der Apotheke eines verlassenen Einkaufszentrums in Newark und sortierte Schmerzmittel. Samira richtete Fallen aus Angelschnur und Dosen ein; ein leises Perlen von Metall in der Stille. Rico prüfte eine Schrotflinte, die er einem aufgegebenen Polizeirevier abgenommen hatte.
„Du wolltest Archäologie, kriegst aber Zoologie der Gegenwart“, sagte Rico.
„Paläontologie“, murmelte Lena, ohne aufzusehen. „Und das hier ist die lebende Vergangenheit.“
Samira grinste schief. „Lebende Vergangenheit ist ein Paradox.“
„Willkommen in der Post-Zeit.“
Ein Geräusch ließ sie alle aufhorchen: das sanfte, stetige Stampfen schwerer Füße, das durch Beton drang. Kein Jagen, kein Schleichen – ein Marsch.
Rico löschte das Licht. „Herdenzug.“
Sie krochen an die Kante der Galerie. Unten im Atrium, zwischen Springbrunnen und Rolltreppen, zog eine Reihe massiger, gepanzerter Leiber vorbei. Ankylosaurier, die Schwänze wie Morgensterne. Hinter ihnen, in respektvollem Abstand, eine Schar kleinerer, schnatternder Kreaturen, die die Reste aufsammelten.
„Sie benutzen unsere Räume wie Schluchten“, flüsterte Lena fasziniert. „Kühl, wenig Wind, leichter Boden. Ein Einkaufszentrum ist eine perfekte künstliche Senke.“
„Auf dem Parkplatz sind ‚Kultisten‘“, flüsterte Samira zurück. „Die mit den Knochenmasken. Sie bringen Fleisch als Opfergaben. Jeden Abend.“
Das Wort hing im Raum wie Schimmel. Rico nickte knapp. „Wir beobachten. Und wir bewegen uns nachts. Weg von hier. Richtung Süden.“
„Es gibt Gerüchte“, sagte Samira, „dass in D.C. Daten liegen. Über den Riss. Über jemanden, der das wollte.“
Lena hielt den Blick auf die Herde, deren Panzer im Schummern schimmerten. „Dann holen wir sie. Wissen ist das einzige, was wir gegen Zähne haben.“
In der Nacht krochen sie durch Liefergänge. Einmal blieben sie lange stehen, als über ihnen etwas Großes das Dach betrat – man spürte die Schritte im Brustkorb. Zweimal mussten sie zurück, weil Raptoren an den Notausgängen schnupperten. Und als sie kurz vor der Mauer waren, die den Parkplatz umgab, hörten sie Gesang.
Draußen knieten Menschen um ein Feuer aus Palettenholz. Auf ihren Köpfen trugen sie Schädel. Auf einer improvisierten Trage lag Fleisch – roh, dampfend, mit einem Tuch bedeckt, das einmal eine Flagge gewesen war.
„Die Titanen nehmen, was ihnen gehört!“, rief ein Mann. „Wir haben gesündigt mit Stahl und Licht. Die Erde holt sich uns zurück!“
Als Antwort glitt ein Schatten über den Asphalt. Etwas mit Flügeln. Die Menge jubelte.
„Wir schleichen rechts vorbei“, sagte Rico. „Keine Helden. Keine Prediger.“
Sie kamen zehn Meter weit. Dann knackte unter Samiras Schuh eine Plastikflasche – klein, unscheinbar, laut wie ein Schuss.
Zwanzig Köpfe drehten sich.
„Bleibt stehen!“, brüllte jemand. „Die Titanen wollen euch prüfen!“
Rico hob langsam die Hände. Samira tat es ihm gleich, die Augen wach. Lena spürte, wie unter ihren Rippen der Puls gegen Knochen klopfte.
Der Prediger trat näher, die Knochenmaske in der Hand, das Gesicht darunter fleckig vor Eifer.
„Ihr seid Jäger oder Beute“, sagte er. „Heute entscheidet ihr.“
Hinter ihm löste sich etwas vom Dach der Mall – lautlos, dunkel, gewaltig. Ein Flügelpaar spannte sich auf wie ein Vorhang, der den Himmel zudrückte.
Lena sah es zuerst. Ihr Mund formte ein Wort, das nicht herauskam.
Rico griff nach der Schrotflinte.
Samira flüsterte: „Nicht bewegen.“
Das Wesen stürzte. Die Menge schrie – nicht vor Angst, sondern vor Ekstase.
Der Prediger breitete die Arme, als wollte er umarmt werden.
Und für einen Sekundenbruchteil, bevor das Maul zuschnappte, sah Lena in den Augen der Bestie etwas, das wie Berechnung aussah.
Kapitel 6 – Der Kult der Titanen
Das Feuer roch nach verbranntem Plastik.
Zwischen rauchenden Paletten und Trümmern knieten Männer und Frauen, bemalt mit Ruß, mit Knochenketten um den Hals. Ihre Stimmen klangen wie Wind, der durch eine Ruine zieht – bruchstückhaft, beschwörend.
Lena, Rico und Samira lagen flach hinter einem halb umgestürzten Lieferwagen. Der Pterosaurier hatte den Prediger längst verschlungen; der Rest der Sekte jubelte trotzdem.
„Ich glaub, die feiern den Tod als Eintrittskarte“, flüsterte Samira.
Rico: „Oder sie wissen, dass er nicht lang genug lebt, um Fehler zu machen.“
Lena beobachtete die Szenerie: Überall Knochen, teilweise menschlich. An einem improvisierten Altar blinkte ein Tablet – ein Zeichen, dass sie irgendwo noch Strom hatten.
Als sie sich näher herantasteten, erkannten sie das Logo: Department of Energy. Auf dem Display lief ein sich wiederholendes Video – eine Ansprache. Ein Mann im Anzug, gehetzter Blick, die Stimme brüchig:
„Projekt Aurora … läuft außer Kontrolle. Wir haben den Spalt geöffnet, um das Klima zu stabilisieren … aber es ist kein Sturm. Es ist … ein Übergang. Wir müssen … die Schleuse schließen … bevor—“
Das Bild flackerte und endete.
„Das ist der Beweis“, murmelte Lena. „Das Portal war kein Unfall.“
Rico sah sich um. „Wir nehmen das Ding mit, bevor die Knochenjünger merken, dass ihr Gott USB-Anschluss hat.“
Sie schlichen sich rückwärts. Der Kult tanzte noch, als der Himmel sich rot färbte. Ein Brüllen rollte über den Asphalt. Aus dem Norden kam etwas Großes, schwerfälliges – und die Sektenmitglieder begannen zu singen.
Lena sah noch, wie die Silhouette eines T-Rex zwischen den Gebäuden aufragte. Der Altar, der Gesang, das Blut – alles verschmolz zu einem Bild, das aussah wie Religion am Ende der Welt.
Kapitel 7 – Spuren nach Washington
Drei Tage später ratterte ein alter Freightliner über einen Highway voller Autowracks.
Rico fuhr, Lena studierte das Tablet. Samira döste auf dem Beifahrersitz.
Die Autobahn war still, bis auf Wind und entferntes Grollen.
„Im Pentagon könnten Backups liegen“, sagte Lena. „Wenn jemand das Projekt Aurora geplant hat, dann dort.“
Rico nickte. „Oder sie haben’s längst aufgegeben.“
Sie passierten verlassene Städte: Tankstellen, in deren Schatten Stegosaurier dösten; Schulen, deren Pausenhöfe zu Weiden geworden waren. An einer Raststätte sahen sie das Skelett eines Busses – durchlöchert, ausgebrannt – und darüber Nester von Flugsauriern.
Als sie am Abend am Potomac ankamen, war D.C. kein Ort mehr, sondern ein Gerippe.
Das Capitol halb eingestürzt, der Obelisk geborsten. Zwischen den Säulen krochen Pflanzen und, irgendwo dazwischen, Bewegung – kleine, schnelle Schatten.
Sie fanden Unterschlupf in einer alten Metrostation. Samira entdeckte an der Wand Graffiti in frischem Schwarz:
„SIE HABEN UNS NICHT GERETTET. SIE HABEN UNS GETESTET.“
„Klingt nach Wissenschaftlern mit schlechtem Gewissen“, sagte Rico.
„Oder nach Überlebenden, die zu viel gesehen haben.“
Im Pentagon selbst war kaum etwas übrig. Aber tief unten fanden sie, in einem gesicherten Raum, eine Konsole, die noch Strom hatte. Lena hackte sich durch. Eine Datei öffnete sich:
AURORA_PROTOTYPE_v7.
Ziel: Stabilisierung der Biosphäre durch kontrollierte Zeitschleusenenergie. Ergebnis: Entkopplung. Übergang unkontrollierbar. Protokoll C aktiviert.
„Übergang unkontrollierbar …“ Lena starrte auf den Code. „Das heißt: Das Tor bleibt offen, bis jemand auf der anderen Seite den Mechanismus deaktiviert.“
Samira runzelte die Stirn. „Wie auf der anderen Seite? Da leben jetzt … Dinosaurier.“
Rico seufzte. „Dann sollten wir hoffen, dass einer von uns schwimmen kann.“
Kapitel 8 – Jagd im Mittleren Westen
Die Sonne stand wie ein rostiger Nagel am Himmel, als sie den Potomac hinter sich ließen.
Ihr Truck röhrte über verlassene Interstates, vorbei an Kornfeldern, die zu Dschungeln geworden waren. Manchmal sah man Bewegung darin: riesige Rücken, die wie Boote durch Graswellen glitten.
Am dritten Tag riss eine Achse, und sie mussten zu Fuß weiter. Das Land war still, bis auf das Zirpen von Insekten – und dann das Rascheln.
„Raptoren“, sagte Rico.
Lena spannte den Riemen des Gewehrs. „Wie viele?“
„Zwei Dutzend – oder einer, der zu viel frisst.“
Sie schlichen durch ein Feld, das nach Sommer und Angst roch. In der Ferne: verlassene Tankstelle.
„Dort rein“, flüsterte Samira.
Doch kaum hatten sie die Tür erreicht, sprang etwas durchs Fenster – klein, schnell, laut. Rico schoss, der Knall hallte. Ein zweites Tier kam von hinten. Sie rannten hinter den Tresen, rissen Regale um. Glas splitterte.
Einer der Raptoren stürzte sich auf Lena. Sie rollte zur Seite, schnappte sich einen Metallstab, schlug zu. Knochen knackten. Samira schleuderte eine brennende Fackel in die Tür – das Benzin auf dem Boden zischte. Ein Feuerball fraß sich durch das Gebäude.
Sie flohen durch den Notausgang, während die Hitze ihnen die Luft nahm.
Hinter ihnen kreischten die Raptoren. Einer sprang aus den Flammen, halb brennend, und fiel erst, als Rico ihm in den Schädel schoss.
Dann – Stille.
Nur das Knistern von Feuer und das Rauschen des Windes über den Feldern.
Samira sank auf die Knie. „Wie viele Kilometer bis zu diesem Krater?“
Lena antwortete leise: „Etwa zweihundert. In Wyoming. Wenn wir Glück haben, kommen wir an.“
Rico sah zum Horizont, wo die Luft flimmerte – und etwas Großes den Himmel teilte. Ein Schatten, größer als ein Haus, flog in Spiralen über die Ebene.
„Wenn das Glück ist“, sagte er, „dann ist es auf Diät.“
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