Ein halbes Jahr war vergangen. Elias lebte wieder fast wie ein normales Kind. Doch etwas in ihm war wach geblieben – ein Gefühl, das er nicht ganz erklären konnte. In manchen Nächten träumte er von Kindern, die weinten, von Schatten, die zurückkehrten. Und manchmal … hörte er leise Schreie aus der Ferne. Nicht im Raum – sondern im Traum.
Dann, an einem regnerischen Dienstag, kam ein neuer Junge in die Schule: Noah. Still, blass, mit Augen, die so aussahen, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Elias spürte es sofort – Noah hatte ihn gesehen. Den Clown.
In der Pause saß Noah alleine unter einem Baum, während die anderen Kinder spielten. Elias setzte sich zu ihm.
„Du träumst von ihm, oder?“
Noah blickte überrascht auf. „Wieso … wieso weißt du das?“
Elias antwortete leise: „Weil ich ihn besiegt habe. Und jetzt will er dich.“
Noah zitterte. „Er steht manchmal einfach da … mitten im Zimmer. Ich schließe die Augen, aber er geht nicht weg. Meine Eltern glauben, ich lüge.“
Elias nickte langsam. „Du bist nicht verrückt. Aber du bist nicht allein.“
Elias führte Noah nach der Schule zu sich nach Hause. Im Schrank hinter seinem Bett lag ein altes, ledergebundenes Buch: Das Buch der Traumwächter. Seine Großmutter hatte es einst geschrieben – voll mit Geschichten, Symbolen, Schutzzeichen. Und Regeln.
Regel 1: Ein Clown lebt von der Angst.
Regel 2: Er kann durch Spiegel, Träume und Bilder reisen.
Regel 3: Nur, wer sich ihm stellt, kann ihn bannen.
Elias erklärte Noah, dass es Traumwächter gebe – Kinder, die gelernt hatten, sich im Traum zu verteidigen. Und dass der Clown zurückkehre, wenn ein neuer Geist schwach genug sei.
„Aber diesmal bist du nicht allein. Wir gehen zu zweit.“
In der Nacht hielten sich Elias und Noah im selben Raum auf. Elias hatte einen Kreis aus Salz gezogen, den Traumfänger über Noahs Bett gehängt und das Schutzsymbol auf dessen Stirn gemalt.
Als der Schlaf sie übermannte, fanden sie sich in einem verfallenen Zirkuszelt wieder. Dunkel. Modrig. Und dann – kam das Lachen.
Der Clown trat auf, größer und furchteinflößender als je zuvor. „Zwei auf einmal … wie köstlich.“
Noah zitterte, doch Elias hielt seine Hand. „Du schaffst das. Denk daran, wer du bist. Er ist nur ein Schatten.“
Gemeinsam gingen sie auf ihn zu. Und diesmal … fürchtete der Clown sich.
Als Noah erwachte, war das Zimmer ruhig. Keine dunkle Gestalt. Kein Flüstern. Nur Elias, der erschöpft, aber erleichtert neben ihm saß.
„Du warst stark“, sagte Elias.
„Nur weil du mir geholfen hast“, antwortete Noah.
Elias schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hier, um dich zu retten. Ich bin hier, um dich zu erinnern: Du kannst dich selbst retten.“
Noah lächelte. Und in diesem Moment wusste Elias: Seine Aufgabe war größer geworden.
Epilog II: Die Traumwächter erwachen
Seitdem suchte Elias in seinen Träumen nach anderen Kindern, die im Schatten gefangen waren. Nicht alle glaubten ihm. Nicht alle schafften es. Doch manche wurden – wie er – zu Traumwächtern.
Und in der Dunkelheit, tief hinter dem Schleier des Schlafs, flackerte ein Licht.
Ein Netz aus Kindern, mutig genug, sich ihren Ängsten zu stellen.
Und der Clown?
Er lauerte noch immer – aber er fürchtete nun eines mehr als alles andere:
Zusammenhalt.
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